Plattform – nicht Plenum!

Seit Jahren wird die deutsche Spieleindustrie – durchaus nicht zu ihrem Vorteil – von zwei verschiedenen Verbänden politisch vertreten. Da ist einmal der BIU, dem nach eigenen Angaben 21 Mitglieder angehören, die zusammen 85% des deutschen Marktes für Computer- und Videospiele abdecken; ein Verband für die ganz Großen unserer Industrie also, wie die Zahlen vermuten lassen und ein Blick auf die Mitgliederseite schnell bestätigt.

Auf der anderen Seite gibt es den G.A.M.E., dem ich auch einmal angehörte (die Gründe für den Austritt tun hier wenig zur Sache). Diesem gehören 71 Mitglieder an, wobei hier kleine bis mittlere Entwickler aber auch Agenturen wie Aruba Events oder der Verband der deutschen Internetwirtschaft ECO dazugehören.

In der Vergangenheit gab es eher unglücklich verlaufende Versuche, beide Verbände unter einen Hut zu bringen. Dies ging leider schief, und so blieb für die deutsche Politik eines beim Alten: Wenn man mit der deutschen Spieleindustrie telefonieren wollte, gab es (mindestens) zwei Nummern.

Am heutigen 3. Februar dieses Jahres nun unternahm der BIU einen Schritt, der offensichtlich darauf hinausläuft, das Dasein als geschlossene Veranstaltung für die Branchenriesen hinter sich zu bringen. Man verkündete die Gründung zweier Netzwerkplattformen: BIU.Dev und BIU.Net, die sich dezidiert auch an kleine bis mittlere Unternehmer und Freelancer richten. Die Teilnahme an diesen Netzwerk-Plattformen ist (zumindest für Einzelpersonen) mit nicht unerheblichen Kosten verbunden (zwischen 500 und 1000 Euro pro Jahr).

Um das von vornherein klar zu stellen: Die Industrie kann gut funktionierende Netzwerkplattformen sehr gut gebrauchen. Alle in der Pressemitteilung verhandelten Themen ergeben Sinn, sind im Kontext unserer Industrie wichtig und niemand, der noch alle sieben Zwetschgen beienander hat, kann etwas gegen die Existenz einer solchen Plattform haben.

Ich habe trotzdem zumindest Bedenken. Und das liegt an ein paar Fragen, deren Beantwortung durch den BIU mir dringend geboten erscheint, die im momentan vorliegenden Material aber leider nicht beantwortet werden.

Wenn die Mitgliedschaft in einer der beiden Plattformen etwa so viel kostet, wie auch eine Mitgliedschaft im G.A.M.E.: Ist es dann unlauter anzunehmen, dass der Schritt auch darauf abzielt, diesen Verband zu schwächen, ihm eventuell Mitglieder abspenstig zu machen, da einige Mitglieder sicher die doppelte finanzielle Belastung nicht tragen können – oder zumindest nicht bereit dazu sind?

Daran wäre prinzipiell erst mal nichts auszusetzen, denn natürlich gilt auch zwischen Verbänden im Zweifelsfall der Wettbewerbgedanke. Und es hätte ja auch der G.A.M.E. auf diese Idee kommen und sie umsetzen können. An der Stelle muss er sich also durchaus an die eigene Nase fassen.

Will der BIU die politische Vertretung der Branche monopolisieren – mit 21 stimmberechtigten Mitgliedern?

Das wesentlich größere Problem, das ich habe, liegt im wachsenden politischen Vertretungsanspruch, den der BIU erheben wird, falls er mit den beiden Plattformen Erfolg haben wird. Um auch hier ganz klar zu bleiben: Der BIU wäre kein guter Verband, wenn er dies nicht täte.

Er täte dies allerdings ohne demokratische Legitimation. Denn eine Mitgliedschaft auf einer der beiden Plattformen schließt die Mitgliedschaft im BIU nicht ein. Und damit wird auch der Einfluss der Netzwerkmitglieder auf die Politik des BIU maximal indirekt sein, denn nirgendwo werden diese Mitglieder ihre eigenen Interessen direkt in den BIU einbringen können, es sei denn, sie sind in der Lage und bereit, einen fünfstelligen Mitgliedsbeitrag zu zahlen.

Man könnte daraufhin einwenden: Wenn sich ein Mitglied einer dieser Plattformen durch die Politik des BIU nicht vertreten fühlt, steht es ihm frei, die Plattform zu verlassen. Dem ist entgegen zu halten, dass es auf der einen Seite für das einzelne Kleinunternehmen sehr schädlich sein kann, eine solche hilfreiche Plattform wieder zu verlassen – und auf der anderen Seite ist anzumerken, dass dieses Unternehmen für das Nutzen der Plattform bezahlt. Ein politischer Vertretungsanspruch durch den Plattformbetreiber wird durch den Erwerb der Serviceleistung aber keinesfalls legitimiert. Was den BIU jedoch  möglicherweise nicht wirklich stören wird.

Im Ergebnis könnten dann knapp über 20 stimmberechtigte Mitglieder im BIU unter Hinweis auf die BIU-Netzwerke mit dem Anspruch an die Politik herantreten, mehr oder weniger die gesamte Branche zu vertreten.

Wie gesagt: Ich weiß nicht, ob der BIU das wirklich vorhat, aber er wäre dämlich, wenn er es nicht täte.

Wir haben es hier also mit einem extrem cleveren Zug zu tun, mit dem der BIU potenziell:

  • den G.A.M.E. aus dem Spiel nimmt oder zumindest schwächt,
  • den Zugang zur eigenen Mitgliedschaft exklusiv hält
  • und eine positive Beziehung zum Branchenmittelstand aufbaut …
  • …ohne dem dabei nennenswerte Mitbestimmungsrechte einzuräumen

Im Extremfall wird der Mittelstand der Branche keine politische Vertretung mehr haben.

Setzt man beim BIU auf die demokratische Selbstkastration der Kleinen?

Die Gefahr, die hier besteht, ist verführerisch: Kompetente (und teils mit mir seit Jahren befreundete) Branchengrößen stehen als Consultants zur Verfügung, es wird wahrscheinlich großartige Events geben, auf denen man sich mal wieder sehen kann, man hat zentrale Anlaufstellen, um wichtige Informationen zu bekommen. Vieles von dem, was ich mir seit Jahren für die Branche wünsche, wird in diesem Pool geschehen, wird endlich Realität. Über Details wird sicher noch zu sprechen sein, es wird nicht alles am Anfang funktionieren. Aber das ganze Konstrukt könnte, richtig umgesetzt, ein bedeutender Schritt für die Gamesbranche werden.

Und ich sollte mich darüber freuen. Und ich werde mich darüber freuen. Nämlich dann, wenn der BIU niemals, nicht ein einziges Mal in einer seiner Pressemitteilungen, in einem politische Statement, in einem Versuch der Einflussnahme so tut, als vertrete er mehr als 21 Großunternehmen. Sobald er einmal auch nur insinuiert, dass er irgendwie die Interessen der Mitglieder seiner Netzwerkplattformen vertritt, wird er eine rote Linie überschreiten, welche die gesamte gute Idee auf der Stelle, vollständig und endgültig korrumpiert. Ohne Stimmrecht über die Art des politischen Einflusses, den der BIU ausübt, sind diese Netzwerkplattformen genau das: Plattformen. Und kein Plenum.

Ich hoffe, der BIU wird mich ins Unrecht setzen, doch momentan kann ich mir vieles vorstellen. Aber nicht, dass man einem Verband ein Machtinstrument in die Hand gibt – und der es dann nicht einsetzt.

P.S.: In einem Interview mit Gamesmarkt äußerte sich BIU-Geschäftsführer Maximilian Schenk wie folgt: „Zudem ermöglicht das Zusammenspiel von BIU.Dev und BIU.Net mit dem BIU Synergien, wie es sie bisher in der Industrie nicht gab. Das hilft auch dabei, bestehende und zukünftige Projekte gegenüber der Öffentlichkeit und Politik mit noch größerem Nachdruck gemeinsam zu verfolgen.“ Das darf man wahrscheinlich als Drohung verstehen.

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Ein Gedanke zu “Plattform – nicht Plenum!

  1. Lieber Wolfgang,

    vielen Dank für Deine treffende Analyse. Wir im GAME teilen leider einen Großteil Deiner Befürchtungen.

    Ein Punkt sehen wir allerdings ein wenig anders: So gibt es für uns eigentlich wenig Gründe, uns an unsere Nasen zu fassen: Ein Großteil der kommunizierten Angebote sind nämlich schon lange Bestandteil der GAME-Mitgliederservices. So bieten wir neben dem Netzwerk noch Veranstaltungen, Rabatte, Gemeinschaftsstände, Aufklärung zu Förderungsthemen, Arbeitskreise und, und und an.

    Ach ja, und dazu noch eine große Portion Mitbestimmung 🙂

    Offensichtlich müssen wir das aber anders kommunizieren. Daran arbeiten wir gerne.

    Viele Grüße,
    Florian

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