Ethik als Spielmechanik#3: Die normative Kraft des Ethischen

(Dies ist die dritte und letzte Folge einer kleinen Artikelserie über die Frage, wie man sich Ethik als Spielmechanismus verfügbar machen kann. Nachdem die Serie auch in überarbeiteter Fassung in der Printversion der Making Games und dann, ins Englische übersetzt, auf deren Webseite erschienen ist, habe ich die ursprünglichen Fassungen auch hier mit den überarbeiteten ersetzt. Teil 1 ist hier und Teil 2 hier.)

Um ein wenig mit der Tür ins Haus zu fallen: Ein weit verbreitetes Missverständnis ist, dass ethisches Game Design notwendigerweise ethisch hochwertige Inhalte und Messages erfordert. Der Inhalt eines Spiels kann aber im Gegenteil sogar im höchsten Maße unethisch sein – und gerade dadurch ethisches Game Design erzeugen. Es ist nicht einmal notwendig, dass der Spieler für ethisch richtiges Verhalten mit einem narrativen Happy End oder anderweitig belohnt wird. Ethisches Game Design entsteht durch ganz andere Strukturen. Es gibt zwei Bedingungen:

  • der ethische/unethische Inhalt erlaubt durch die Art seiner Darstellung und die Einbindung ins Game Design eine freie, erwachsene Reflektion desselben
  • er erlaubt außerdem eine ethisch bedeutsame und nicht durch Spielvorteile korrumpierte Entscheidung des Spielers selbst

Sind diese beiden Bedingungen erfüllt, wird das Game Design ethisch, selbst dann, wenn das Spiel von Massenmord handelt und dieser mit keiner Entscheidung des Spielers verhinderbar ist und das player-subject selbst ihn auszuführen hat. Dies steht nur scheinbar im Widerspruch zur zweiten Bedingung, denn das player-subject hat immer noch die Möglichkeit, das Spiel zu beenden. Was diese beiden Bedingungen aber im Einzelnen bedeutet und wie man sie erfüllt, davon soll dieser Text handeln.

Weiterlesen »

Advertisements

Ethik als Spielmechanik#2 – Ethik und Moral als Konfliktparteien

(Dies ist die zweite Folge einer kleinen Artikelserie über die Frage, wie man sich Ethik als Spielmechanismus verfügbar machen kann. Nachdem die Serie auch in überarbeiteter Fassung in der Printversion der Making Games und dann, ins Englische übersetzt, auf deren Webseite erschienen ist, habe ich die ursprünglichen Fassungen auch hier mit den überarbeiteten ersetzt. Zum ersten Teil geht es hier. Zum dritten hier.)

Nachdem ich in der ersten Folge aufgezeigt habe, warum es nützlich sein kann und möglich sein sollte, ethische Konflikte als Sonderfall der Spielmechanik zu begreifen (und dann konsequenterweise auch als solche zu benutzen), stellt sich natürlich die Frage, wie man diese ethischen Konflikte erzeugt und, in einem dritten Schritt, wie man diese Konflikte dann schlussendlich in Spielmechanik umwandelt.

Hierzu wird es notwendig sein, die Natur dieser ethischen Konflikte zu begreifen, die dahinter liegende Psychologie genauer anzuschauen und sie dann auf ihr Transportmittel abzubilden: die Narration. Erst wenn es gelingt, die ethischen Konflikte sauber in die Narration des Spiels zu integrieren, können diese die notwendige Präzision, Präsenz und Dringlichkeit bekommen, die das player subject (dies ist der rein mentale Avatar im Kopf des Spielers – siehe Teil 1) erfahren muss, um sie als Teil des Spielerlebnisses und der Spielherausforderung zu begreifen.

Weiterlesen »

Ethik als Spielmechanik#1: Wer spielt da eigentlich?

(Dies ist die erste Folge einer kleinen Artikelserie über die Frage, wie man sich Ethik als Spielmechanismus verfügbar machen kann. Nachdem die Serie auch in überarbeiteter Fassung in der Printversion der Making Games und dann, ins Englische übersetzt, auf deren Webseite erschienen ist, habe ich die ursprünglichen Fassungen auch hier mit den überarbeiteten ersetzt. Zum zweiten Teil geht es hier. Zum dritten hier.)

Im Herbst 2014 wurde ich von der Mediadesign Hochschule (MD.H) in München eingeladen, eine Vorlesung zum Thema “Ethische und soziale Aspekte” abzuhalten. Ich weiß bis heute zwar nicht, ob ich das Thema so interpretiert habe, wie die MD.H sich das vorgestellt hat, aber zumindest habe ich die Gelegenheit genutzt, mich einmal auf halbwegs wissenschaftlichem Fundament mit einer Reihe von Fragen zu beschäftigen:

  • Wie gerät Ethik eigentlich in ein Game hinein?
  • Was hat sie da verloren?
  • Und wenn man sie möglicherweise nicht vermeiden kann: Kann man sie sich vielleicht sogar zu Nutze machen?

Um es direkt zu sagen: Die Antworten, die ich fand, haben meinen Blick auf Gamedesign – und hier speziell auf das Design von Story innerhalb eines Games – massiv erweitert und teilweise fundamental verändert. Ich will sie im Folgenden erläutern.

Weiterlesen »