Ein Kreis mit Dellen

Meine Herzdame schenkte mir zu Weihnachten „The Circle“ von Dave Eggers, ein Buch, über das ja gerade viel geredet und geschrieben wird. Ein Buch, das die einen als das „Brave New World“ unserer Zeit in den Himmel loben und die anderen wegen seiner schlichten erzählerischen Mittel verdammen. Besprechungen finden sich u.a. hier und hier und hier.

Recht haben beide Seiten.

„The Circle“ ist eine exzellent aufgebaute Dystopie, die in einem einigermaßen maximal durchschnittlich erzählten Roman entwickelt wird – der darüber hinaus ein Plotloch von der Größe der NSA-Datenspeicher besitzt. Aber von vorne.

Erzählt wird die Geschichte von Mae Holland, die beim Internetriesen „The Circle“ anfängt – und dort nach anfänglichen Schwierigkeiten zum Gesicht des Konzerns aufsteigt. Die Firma muss man sich als eine Art aufgeblasenes Google vorstellen – nachdem es Facebook und Amazon gekauft hat.

Besagte anfängliche Schwierigkeiten haben vor allem damit zu tun, dass Mae noch Eltern hat, ihr Vater an MS erkrankt ist und mit Mercer noch ein ehemaliger Liebhaber in ihrem Leben herumspukt, der die blöde Angewohnheit hat, vernünftige Gedanken zu denken und die auch formulieren zu können.

Nachdem Mae diesen Balast aber abgeworfen hat, steht ihrem Aufstieg nichts mehr im Wege, und am Ende – Spoileralarm – rettet sie den Konzern vor der Zerschlagung. Diese allerdings wäre zur Rettung einer zumindest noch rudimentär freien Gesellschaft dringend notwenig gewesen.

Dabei gelingt es Eggers ganz hervorragend, die Dystopie eines sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung entledigenden Konzerns zu entwickeln, der es am Ende schafft, die legale physische Existenz eines Menschen an sein Benutzerkonto bei The Circle zu koppeln. Aus Wahlrecht wird Wahlpflicht und den user account bei The Circle gibt’s als Geburtsurkunde. Es gibt kein Entrinnen (das wird auch Mercer zu spüren bekommen).

In den Passagen, in denen Eggers diese Dystopie und ihr Entstehen schildert, erzeugt er im Leser durchaus den Horror, der mit einer solchen Entwicklung verbunden wäre. Die meisten dafür verwendeten Technologien existieren bereits oder sind so plausibel erläutert, dass man morgen mit ihrer Entwicklung starten könnte (wenn das noch nicht geschehen sein sollte).

Leider hält Eggers diese Qualität nirgendwo sonst im Roman durch. Seine Charaktere, sogar der weibliche Hauptcharakter, aus dessen Perspektive erzählt wird, bleiben Abziehbilder, deren inneren Konflikte, soweit es sie gibt, bloße Behauptung sind. Bereits nach wenigen Seiten beschleicht einen das Gefühl, dass es sich bei der Hauptperson um eine selten dämliche Nuss handelt, und einen großen Teil seiner Spannung bezieht der Roman daraus, dass man als Leser hofft, sich getäuscht zu haben.

Und die anderen Charaktere behandelt Eggers nicht viel besser. Über weite Strecken bleibt der Roman dabei stilistisch wie formal in sattsam Bekanntem stecken. Nirgendwo ist auch nur ein Funken der Wut zu erkennen, die einige Rezensenten Eggers unterstellt haben. Seite um Seite lässt er erzählerische US-Meterware vom Stapel: Den Blick offenbar immer auf die fulminante Dystopie gerichtet, die sein erzählerischer Antrieb ist (und sich aber erst in der zweiten Hälfte des Romans langsam entfaltet), präsentiert er eine Patchworkdecke aus der Creative Writing Class von ca. 1980, in die er seine Charaktere und seine Handlung einwickelt – und dahinter letzten Endes unkenntlich macht.

Der Liebhaber Maes: ein trotteliger bis gedankenloser Nerd mit ejaculatio praecox. Ihre beste Freundin? Hat nie Zeit und eine Schnodderschnauze, der aber keinerlei intellektueller Tiefgang beiwohnt. Da sich das schnell totläuft, verschwindet sie dann auch schnell nach Europa, nur um am Ende noch mal kurz aufzutauchen. Der geheimnisvoll Gestaltwandler? Verschwindet unerklärlicherweise immer wieder für Wochen und Monate – und man ahnt doch schon sehr früh, wer sich dahinter verbirgt.

Der einzige Konflikt, der dann auch ein wenig Tragfähigkeit besitzt, ist der zwischen den Ansprüchen des Konzerns an Mae – und ihrem gewohnten Leben. Aber den überwindet sie nach etwa der Hälfte der Strecke – und von da an ist sie letzten Endes nur noch ein affirmativer Hanswurst, dem am Ende sämtliche moralischen Maßstäbe abhanden kommen, ohne dass es dafür einen tieferen erkennbaren Grund gäbe als den, dass sie halt schlicht zu blöd ist, selbst die offenkundigsten persönlichen Übergriffe als solche zu begreifen.

Dadurch scheitert auch der Versuch des Autors, noch etwas Spannung aus der theoretischen Möglichkeit eines guten Ausgangs zu ziehen. (Ab hier wieder mächtige Spoiler!) Denn erstens fragt man sich, wozu einer der drei Chefs und kreative Kopf der Firma ausgerechnet ein subalternes Aushängeschildchen benötigt, um seine Opposition gegen die Firmenpolitik zu veröffentlichen. Und selbst falls dieses erklärbar gewesen wäre (Eggers gibt sich nicht die Mühe), ist in keinem Fall verständlich, warum sich dieser ansonsten brillante Kopf mit seinem Versuch, das Schlimmste zu verhindern, ausgerechnet an die taube Nuss Mae wendet. Nur weil er zweimal mit ihr geschlafen hat?

„The Circle“ ist also ein Wechselbalg aus brillanter Dystopie und sehr mäßigem „Thriller“ (mangels eines besseren Wortes). Man hat den Eindruck, der Autor hätte letzten Endes während des Abfassens viel zu viel Zeit mit der Bewunderung des von ihm erdachten Systems vollkommener und kaum noch aufbrechbarer Kontrolle durch einen Datenriesen verbracht – und dabei das Entscheidende vergessen.

Die Konflikte des Romans hätten dem Diskurs der Problematik folgen müssen, nicht irgendwelchen Pseudokonflikten zwischen ehemaligen, momentanen oder zukünftigen Geliebten oder den Herausforderungen eines mäßig intriganten Arbeitsalltags. Die Persönlichkeiten des Romans hätten diesen Diskurs abbilden müssen, nicht nur auf der rein technologischen Ebene, sondern ebenso auf der ethischen und charakterlichen. Und das Schlimmste: das wichtigste Argument, dass gegen die Datensammelwut des Circles vorgebracht wird, ist, dass ein paar Menschen das halt nicht wollen und man der Privatwirtschaft nicht die Verwaltung einer Demokratie überlassen sollte.

Nirgendwo wird verhandelt, dass das Gute, in dessen Namen überall Überwachungskameras installiert werden, nur gut in der Freiwilligkeit ist – und nicht wenn es durch ständige Beobachtung erzwungen wird. Nirgendwo wird über den Sinn von Freiheit, ihre Bedingungen und ihr ethisches Fundament verhandelt. Nirgendwo taucht der Diskurs tiefer, als man das Buch unangespitzt in einen tiefgefrorenen Gartenboden rammen könnte.

So verschenkt „The Circle“ eine großartige Idee durch mittelmäßiges und phasenweise gar schlechtes Handwerk. Lesen sollte man den Roman dennoch.

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